Von den Langobarden zum Anbruch des Mittelalters
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Das Mittelalter

Bei den Ausgrabungen der AG Urgeschichte auf dem Burgberg in Thomasburg in den Jahren 1995 und 1996 wurden sowohl neolithische als auch mittelalterliche Funde entdeckt. Die neolithischen Funde, meist Abschläge und nur wenige Geräte, werden durch einen Flint-"meißel" in das ausgehenden Neolithikum datiert; eine Scherbe mit verdicktem Rand deutet in das 10./11. Jahrhundert.

Jungsteinzeitlicher Meißel aus Flint vom Thomasburger Burgberg.
Jungsteinzeitlicher Meißel aus Flint vom Thomasburger Burgberg.

Solche "Meißel", die auch als Dechsel Verwendung gefunden haben könnten, gehören in die nordwestdeutsche Einzelgrabkultur. Als Grabfunde sind sie, ebenso wie in Schleswig-Holstein, allerdings bisher vergleichsweise wenig in Erscheinung getreten.

Die zahlreichen Abschläge und das geringe Auftreten fertiger Werkzeuge gestatten die Vermutung, daß die steinzeitlichen Funde möglicherweise als Hinweis auf die Existenz eines Werkplatzes zu werten sind, der im Randbereich eines Gewässers in exponierter Lage auf einem Geländesporn angesiedelt war. Hier drängt sich ein Vergleich mit der topographischen Situation einiger - allerdings jungpaläolithischer - Fundplätze im Ilmenautal auf. Im Umfeld des Thomasburger Burgberges konnten in der Vergangenheit bereits einige weitere spätneolithische Funde entdeckt werden.

In der Umgebung Thomasburgs liegen eine Reihe von Grabfunden vor, so z. B. eine Axt aus Felsgestein (Landesmuseum Hannover Nr. 7340 (A1b)) und Funde aus einem Grabhügel der endjungsteinzeitlichen, sog. Einzelgrabkultur. Eine weitere jütländische Axt aus Felsgestein wird in der ehem. Schulsammlung Thomasburg (Slg. Hoffmann) aufbewahrt. Sie wurde wahrscheinlich ebenfalls in der Gemarkung des Ortes entdeckt.

In einer Bestattung, einem Untergrab der Einzelgrabkultur, wurde eine sog. Ostharzamphore gemeinsam mit einem schnurkeramischen Becher gefunden. Diese Ostharzamphore wird als Beleg für den Einfluß der mitteldeutschen Schönfelder Kultur gewertet.

Da die neolithischen und die mittelalterlichen Funde auf dem Thomasburger Burgberg stratigraphisch nicht voneinander zu trennen waren, liegt der Verdacht nahe, daß erstere bei Planierungsarbeiten innerhalb der zu errichtenden bzw. der bereits bestehenden Burganlage im 10./11. Jahrhundert freigelegt wurden. Slawische Scherbe aus Betzendorf, die ebenfalls in die Zeit um die Jahrtausendwende datiert.
Slawische Scherbe aus Betzendorf,
die ebenfalls in die Zeit um die Jahrtausendwende datiert.

Obwohl die datierbare Keramik bis dato nicht in einen direkten Zusammenhang mit dem Thomasburger Burgwall selbst gebracht werden kann, liefert sie dennoch einen deutlichen Hinweis auf eine Datierung vor dem ersten überlieferten Datum im Jahre 1124, in dem die Kirche erstmalig erwähnt wird. In mehreren Urkunden des hohen und späten Mittelalters taucht Thomasburg als Sitz mehrerer, einander ablösender Adelsfamilien auf. Wahrscheinlich geht die Thomasburg - ebenso wie Rastede auf den Besitz der Familie des sagenhaften Rasteder "Gründers" Huno zurück, der auch im Nekrologium des Lüneburger Michaelisklosters genannt wird.

In Reppenstedt, in direkter Nachbarschaft der Stadt Lüneburg, befand sich ehedem ebenfalls ein befestigter Adelssitz, über dessen Ursprünge ebenfalls nur spärliche Angaben vorliegen.

Wahrscheinlich war er der namensgebende Ursprungsort des adeligen Geschlechts von Reppenstede, deren Angehörige in einigen mittelalterlichen Urkunden auftauchen. Zahlreiche Orte der drei heutigen nordostniedersächsischen Landkreise Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg sind einst Stammsitz von Geschlechtern des niederen Adels gewesen.

Ehemalige Wehrkirche in Altenmedingen in einer alten Darstellung (n. J. Homeyer). Seit dem 12. Jahrhundert setzte sich die Tendenz, daß sich adelige Familien nach dem Namen ihres befestigten Wohnsitzes, ihres Herrschaftszentrums und / oder Herkunftsortes benennen, in ganz Nordwestdeutschland durch.

Einige dieser Familien (z. B. v. Meding, v. Estorff) bestehen bis heute fort, andere sind ausgestorben und einige sind im Zuge der mittelalterlichen Ostkolonisation bis in das Baltikum gezogen.

Ehemalige Wehrkirche in Altenmedingen
in einer alten Darstellung (n. J. Homeyer).

Einer Urkunde aus dem Jahre 1394 zufolge bestand die Reppenstedter "Burg" aus einem Bergfried und mehreren Nebengebäuden. Bei diesem Bergfried handelte es sich wohl um einen aus Feldsteinen errichteten Rundturm. Fundamente eines solchen Turmes wurden bei der Ausgrabung der Burg Bodenteich, Ldkr. Uelzen, wie die Uhlenburg ebenfalls eine hochmittelalterliche Adelsburg, festgestellt.

Bisher ist über die mittelalterlichen Burgen auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Lüneburg erst relativ wenig bekannt.

Außer im Falle jener Burgen, die urkundlich sicher in das 10. Jahrhundert zu datieren sind (z. B. Lüneburg selbst) und zu denen wahrscheinlich auch die - heute nicht mehr existente - Burg bei Kaarßen im rechtselbischen Amt Neuhaus gehört, sind Angaben über die Enstehungszeit dieser Wehranlagen nur schwer zu ermitteln und ohne archäologische Untersuchungen nicht zu verifizieren.

Die Lüneburg in einer Darstellung auf der Ebstorfer Weltkarte.
Die Lüneburg in einer Darstellung
auf der Ebstorfer Weltkarte.
Der Burgwall von Bode (n. B. Ploetz). Einen gewissen Anhaltspunkt für eine relativ frühe Datierung liefert der bereits genannte Burgwall von Bode, in dessen Umfeld sich Güterbesitz der Bardonen befand, eines Grafengeschlechtes, welches im 9. und 10. Jahrhundert im Gebiet des Bardengaus belegt ist.

Im Falle der Dahlenburger Burg deutet lediglich eine spätmittelalterliche Sekundärquelle auf ein Bestehen dieser Burg bereits im 10. Jahrhundert.

Der Burgwall von Bode (n. B. Ploetz).

Innerhalb der Forschung gilt die Dahlenburg jedoch als eine Anlage aus dem 12. Jahrhundert.

Gestützt wird diese Annahme durch einen unlängst wiederentdeckten Fund eines sog. Pyramidenstachelsporns, der bereits kurz nach der Jahrhundertwende von Michael Martin Lienau in Dahlenburg ausgegraben wurde.

Analog zur Interpretation eines Inventars eines slawischen Adelsgrabes aus dem 2. Viertel des 12. Jahrhunderts aus Usadel, Krs. Mecklenburg-Strelitz, in dem sich u. a. auch zwei Sporen befanden, die als Statussymbole des Adels gedeutet werden, kann auch der Dahlenburger Sporn ähnlich interpretiert werden.

Wehrturm (Rest) einer der Dahlenburger Burgen (n. C. Wodaege).

Wehrturm (Rest) einer der Dahlenburger Burgen (n. C. Wodaege).

Der Adelssitz Veerßen bei Uelzen auf einer Karte des 19. Jahrhunderts (n. G. O. C. v. Estorff). Dahlenburg ist einst Adelssitz gewesen. Die Laurentiuskapelle gilt als Schloßkapelle und besaß im Mittelalter ebenfalls einen Rundturm, der auf herzoglichen Befehl - wie so viele andere auch - abgebrochen werden mußten.

Zahlreiche Adelssitze verfügten auch über zugehörige Kapellen und Kirchen, so z. B. Gollern, Ldkr. Uelzen, Warpke, Ldkr. Lüchow-Dannenberg und wahrscheinlich auch Wichmannsburg, wo sowohl ein Adelssitz als auch ein billungerzeitliche Burg überliefert sind.

In Thomasburg ist zusätzlich die Existenz eines adeligen Gerichtes bezeugt; ebenso eine Mühle sowie eine weitere in der benachbarten, heute wüsten Ortschaft Melinchude.

Der Adelssitz Veerßen bei Uelzen
auf einer Karte des 19. Jahrhunderts (n. G. O. C. v. Estorff).

Man wird nicht fehlgehen, Adelssitz und Wehrkirche in Thomasburg auch in ihrer Funktion als "Fluchtpunkt" in unruhigen Zeiten zu betrachten, deren Nutzung auch für die Dorfbevölkerung offen stand.

Im Sachsenspiegel des Klosters Rastede, zu dessen Besitz auch die Thomasburg gehörte, findet sich die Abbildung einer Kirche, deren Glocke alle Waffenfähigen zur Verteidigung aufruft. Lediglich Pfarrer, Küster, Hirten und Frauen brauchten diesem Ruf nicht Folge zu leisten; sie werden auf der besagten Abbildung in bzw. vor der Kirche dargestellt.

D. Gehrke M.A.

Rastede

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